Spiritualität
Franz-Xaver Jans-Scheidegger

Grundlagentext von Franz Xaver Jans-Scheidegger

Der Weg des Herzens ist ein Weg des Friedens
10.2.2025

Weg des Herzens als ein Weg des Friedens

Zu Beginn meiner Ausführungen erzähle ich einen Traum, den ein befreundeter Bergführererlebte. Dieser hatte schon viele Menschengruppen auf schwierigen Touren begleitet. Niemand wusste, dass er unter einer chronischen Höhenangst litt. Mit jedem Auf- und Abstieg bemühte er sich, diese Einschränkung doch noch zu überwinden. Oft stieg er auch alleine indie Höhe, um das Aufleuchten der ersten Strahlen der Morgensonne zu Beginn eines neuenTages in aller Stille zu geniessen. Als er an seinem Geburtstagmorgen zusammen mit einemFreund wieder dieses Erlebnis plante, kam es nicht zustande, weil er sich total verschlafen hatte. Dennoch erwachte er aus einem eindrücklichen Traum, eben gerade zu dem Zeit-punkt, als jeweils «seine» Sonne auf dem Gipfel des Berges aufleuchtete. Dieser Traum beschäftigte ihn sehr, und er suchte mit mir einen Deutungsfaden für sein aktuelles Leben:

Ich werde seine «Geschichte» nicht unter den verschiedenen Aspekten einer möglichenTraumdeutung entfalten. Ein aufmerksames Betrachten des Traumgeschehens wird die Le-senden zu ganz persönlichen Fragen des eigenen Lebens inspirieren.

«Ich bin mit einer Seilschaft von acht erwachsenen Personen, fünf Männern und drei Frauen, in den Anden auf einer Bergtour, um einen Sonnenaufgang in der Morgenfrühe gemeinsam zu erleben. Die Atmosphäre unter den Teilnehmenden ist erwartungsvoll und gesammelt. Unterwegs gebe ich einige Anweisungen, wo-rauf besonders zu achten sei, weil ab und zu auch Steinschlaggefahr besteht.Nach einer Wegbiegung, etwa 200 Meter unterhalb des angezielten Aussichtpunktes, blicke ich zurück und sehe, dass niemand von der Gruppe mit mir weitergestiegen ist. Das verwundert mich sehr. In meinen bisherigen Begleitungen hatsich ein solches Geschehen noch nie ereignet. Ich steige weiter in der Hoffnung aufwärts, dass meine Schützlingeirgendwo im Umfeld unseres Bergzieles auf-tauchen werden; dennoch bin ich irgendwie beunruhigt, auch wenn ich weiss, dass in dieser Gruppe zwei weitere geübte Berggänger sind.

Da fällt vor meiner Nase ein Stein auf den Boden. Ich denke: Du hast Glück gehabt, dass nicht dein Kopf getroffen worden ist. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich meinen Schutzhelm gegen Steinschlag gar nicht aufgesetzt habe. Das passt eigentlich gar nicht zu meinen Anweisungen. –

Als ich nach oben blicke, winkt mir eine bärtige Männergestalt zu sich. Mit gemischten Gefühlen nähere ich mich diesem Menschen. Er bietet mir einen Becher Milch einer Alpakakuh an und sagt: «Schau nach links, gleich geht die Morgensonne auf; wir begrüssen zusammen das Licht des neuen Tages! Wo hast du deine Gruppe gelassen, die mit dir aufgestiegen ist?»

Leicht verlegen bemerke ich: «Eigentlich sollte sie gleich um den nächsten Felsenvorsprung auftauchen!»- «Warten wir ab und geniessen das aufstrahlende Licht! Weisst du, es leuchtet nicht nur aussen, sondern auch in uns. Mit dem Satz: «Wie verstehst du das?», wache ich auf.

Ein echter Weg des Herzens bleibt ein Weg des Friedens mit sich selber und mit allen Wirklichkeiten der Schöpfung. Erfahrbar wird dieser Frieden in der Ruhe des Herzens. Es ist ein Eingebettet- und Geborgen-Sein im Hauch des allumfassenden Lebens, mit dem uns das göttliche Mysterium zeitlos beschenkt. Die «Geschwister» dieses Friedens sind Mitgefühl, Liebe und Freiheit. Sie begegnen uns in einer Beziehungsdynamik, die das eigene Person-Sein miteinander verbindet.

Wie verwirklicht sich dann der eigene Weg des Herzens in der persönlichen Rückbindung (=religio) an das göttliche Geheimnis?

Es ist ein dialogisches Geschehen mit dem Urgrund der Schöpfung. Die eigene Lebensmöglichkeit bleibt ununterbrochen in Verbindung mit dem Ursprung des Menschseins. Darin haben wir total Anteil am Erleben: «Da schuf Gott Adama,die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat Gott sie geschaffen (vgl. Ge 1.27)».

Insofern das Herz die Mitte des Menschseins umgreift, begegnen wir zeitlos dem Ursprung und der Mitte der eigenen Existenz. In unseren Begrenzungen der Raum- Zeitdimension sind wir eingeladen, diese Mitte immer wieder neu zu erfahren. Dazu laden alle spirituellen Traditionen ein. Sie erinnern uns an das «Licht der Welt».
«ES» durchlichtet alles Lebende und lädt uns ein, selber Licht zu sein und dieses friedvoll zu entfalten.
(vgl. das Erleben im Traum: «Warten wir ab und geniessen das aufstrahlende Licht! Weisst du, es leuchtet nicht nur aussen, sondern auch in uns).

Ein Tor

Auf unserem Weg durch Raum und Zeit begegnen wir öfters einem Tor, über dem geschrieben steht: «Bitte Eintreten!», ja, aus dem uns eine liebevolle Stimme ahnungsweise anspricht: «Das Tor ist offen, du darfst eintreten!», oder: «Das Tor ist offen, sei achtsam und schaue, ob du eintreten sollst!», oder: Der Hüter, die Hüterin der Schwelle sagt: «Halt, hier sollst du noch nicht eintreten, gehe weiter zum nächsten Tor! ...».

Wie gestaltet sich die persönliche Erfahrung auf dem Weg des Herzens, also jenes Erleben der Urgeborgenheit in der Mitte des eigenen Menschseins.
Gibt es einen Erlebenszustand dieses Umfangenseins in den Umarmungen einer allumfassenden Liebe? –

Wann, wie und wo ist es möglich, solche Befindlichkeit bewusst zu erleben? – Ist es nicht die «Schatzkammer» der Mitte unseres Menschseins, das «Heiligtum», zu dem wir oft das Eingangstor neu entdecken dürfen, oder sind wir öfters schon hinter dem Tor, aber unsere Augen sind gehalten, dass wir unbemerkt eingetreten sind? Dann vernehmen wir eine berührende (manchmal auch tröstende Stimme: «Du bist bereits im Heiligtum!»)

Auch Bruder Klaus entdeckte erst am Schluss der Brunnenvision: «... Wie er (Klaus) so stand und ihnen (den Menschen) zusah, da verwandelte sich die Gegend und wurde zu einer wüsten Steinhalden daselbst und glich derGegend, die um des Bruder Klausens Kirche liegt, wo er seine Wohnung (Zelle) hat, und er erkannte in seinem Geist: Dieser Tabernakel wäre Bruder Klaus».

Hindernisse

Welche sind unsere Hindernisse einzutreten, ertönt doch der Gesang: «Macht hoch die Tür,die Tor macht weit!» ... Beide Weisungen kennen wir in den unterschiedlichen spirituellen Traditionen: «Also verschliesst eure Herzen nicht!» Wie gestaltet sich der Weg zum «Tabernakel» deines Herzens? Hörst du die Botschaft: «Gott und ich, wir sind eins; Gott wirkt, und ich werde; so bin und bleibe ich von Ewigkeit her bei meinem Namen gerufen!»

Der Klang des Herzens im Herzensgebet ist wie das Licht, das uns entgegen leuchtet aus dem Tor dieses «Tabernakels», und es ist gleichzeitig wie ein gewaltiger Lebensstrom, der sich an Orten ergiesst, die allen Anwesenden gehören (vgl. die Küche, in den der reine Wasserstrom in der Brunnenvision von Bruder Klaus fliesst).

«Beten» heisst «sich Einbetten in die Urgeborgenheit der allumfassenden Liebe».

Helles und "dunkles" Licht

Versuchen wir dieses Erleben noch tiefer zu be«greifen»: Das Licht hat eine helle und eine dunkle Kraft. Diese dunkle Kraft ist nicht böse, sondern die grösste Licht-Energie, die wir bisher wahrnehmen können, wie die Quantenphysiker immer wieder betonen. Bekanntlich ist auch die Wolke, welche durch die Wüste in das heilvolle Land führt, am Tag dunkel und in der Nacht helles Licht. Beide Wegweiser dienen der Entdeckung des göttlichen Lichtes. Dieses lockt uns, mit ihm umzugehen und nicht auszuweichen, weil wir vielleicht mit ihm zu wenig vertraut sind.

In Bewegung

Zurzeit ist manches in Bewegung innerhalb der spirituellen und kontemplativen Wege. Ich werde oft gefragt: «Wie lässt sich der kontemplative Weg mit bestimmten Sichtweisen des religiösen Glaubens in Einklang bringen?» «Religion» ist eine Erfahrung der «Rückbindung» an das Geheimnis des Glaubens, und Glauben ist «das Ergriffensein von dem, was dich bedingungslos angeht», also jener Berührung, der jemand nicht mehr ausweichen kann. In dieser Berührung erlebt der Mensch einen strahlenden Frieden. Dieser kann letztlich von keiner Institution verordnet werden, «denn die allgegenwärtige, göttliche Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen in der heiligen Geisteskraft (Ruach), die uns geschenkt ist»; auch diese Aussage ist Gemeingut der religiösen Traditionen. Der göttliche Hauch ist und bleibt das Geschenk des ursprünglich, friedvollen Lebens. «Ephata, öffne Dich!», sagt Jesus, damit Heilung geschieht und geschehen kann.

Innerhalb der Begrenzungen von Raum und Zeit

Innerhalb der Begrenzungen von Raum und Zeit sind wir durch alle Höhen und Tiefen unterwegs in die Erfahrung einer allumfassenden Einheit mit dem göttlichen Leben in uns. Die offiziellen institutionellen Sichtweisen (oft Dogmen) sind Wegweiser in ein solches Erleben. Der tatsächliche Umgang mit den Hindernissen sind uns als mögliche Klärungsimpulse anvertraut. Betrachten wir die verschiedenen spirituellen Wege, so unterscheiden sie sich in den Anweisungen, das Bewusstsein zu erweitern, um tiefer in die Zusammenhänge des Lebens hineinzuwachsen. Es sind dann stets die ähnlichen Fragen: Was gilt es zu lösen und was gilt es neu zu verbinden, um dem Wandlungsprozess in die Fülle des Lebens umfassender zu begegnen und sich so dem inneren Frieden anzunähern. Das ist wiederum ein sehr persönliches Geschehen und wird gleichzeitig atmosphärisch durch ein gemeinsames Unterwegsein gestützt. Ein «geschwisterliches Suchen» nach dem Sinn und der Offenbarung des Lebens schenkt eine tiefe und friedvolle innere Verbundenheit auch unter den beteiligten Weggenoss*innen. Auf diesem Weg sind wir vernetzt und erleben auch Verantwortung für die grössere Gemeinschaft, ebenso im Sinne von Bruder Klaus: «Friede ist allweg in Gott, denn Gott ist der Fried!»

Wie ist es möglich, das eigene, innere Tabor-Erlebnis, das einen suchenden Menschen total umkrempelt, einer anderen Person einsichtig zu machen? Es gibt Hindernisse, die den Frieden des Herzens stören und aus der Spiritualität einer bestimmten Lehrtradition stammen. Hat die religiöse Tradition eine anerkannte Ausprägung, werden «neue» Erfahrungen genau überprüft, ob sie dem Grundstrom der Ausgangslehre entsprechen. Die offizielle dogmatische Lehre hinkt oft hinter einer tiefen, persönlichen Friedenserfahrung nach. Die eigene«Färbung» der erlebenden Person kann sich deutlich von bisherigen Glaubensaussagen unterscheiden. Diese können dennoch als Wegweiser in ein vertieftes Verständnis führen. Das gilt auch umgekehrt; eine mystische Erfahrung kann auch das Dogma befruchten. Die Fixierung auf bestimmte Dogmen haben immer wieder den Frieden unter den Völkern zerstört und zu religiösen Kriegen geführt. Das ist mit ein Grund, weshalb die mystischen Traditionen bei allen Völkern einen schweren Stand haben und den dogmatischen Frieden verunsichern. Zu dieser Problematik betonte der Dalai Lama bei seinen Gesprächen in Zürich:

«Für mich stellen Liebe und Mitgefühl eine allgemeine, eine universelle Religion dar. Man braucht dafür keine Tempel und keine Kirche, ja nicht einmal unbedingt einen Glauben, wenn man einfach nur versucht, ein menschliches Wesen zu sein mit einem warmen Herzen und einem Lächeln, das genügt.»

© Franz-Xaver Jans-Scheidegger, Adligenswil 25. 6. 2022

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